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HolgerYeshe

HolgerYeshe begleitet die Praxis im deutschsprachigen Raum

HolgerYeshe verkörpert die Mission von Tergar im deutschsprachigen Raum wie kein anderer. Er hat intensiv das Tibetische studiert und 16 Jahre lang als buddhistischer Mönch gelebt. Seit 2016 unterstützt er Tergar im europäischen Raum und hat unzählige Workshops und Retreats gegeben. Er begleitet Praxisgruppen und Schüler:innen von Mingyur Rinpoche mit seiner tiefgründigen Meditationserfahrung. HolgerYeshe war drei Jahre lang kontemplativer Experte im Planungskomitee des European Summer Research Institute von Mind and Life Europe.

Kindheit in Nürnberg

Wie er zum Buddhismus gekommen ist, kann HolgerYeshe gar nicht so genau sagen: “Mir ging es nicht gut und dieser Tatsache musste ich ins Auge schauen.” Dass er eines Tages nach Indien gehen und als buddhistischer Mönch leben würde, war lange nicht abzusehen.

Geboren ist er in Nürnberg, aufgewachsen in “normalen” Verhältnissen. Sein Vater arbeitete als Lehrer, seine Mutter war Hausfrau. In seiner Freizeit turnte Holger, spielte Fußball und Tischtennis. “Das ist alles Stück für Stück weggefallen”, sagt er und erzählt, wie er als Jugendlicher begann, auf Partys zu gehen. Holger tauchte zu dieser Zeit in verschiedene Kulturszenen und Freundeskreise ein, konsumierte viel Alkohol und Marihuana.

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Nach der Schule zog es ihn nach Berlin, wo er seinen Zivildienst absolvierte. In den 90er Jahren, nach dem Mauerfall, schien in Berlin alles möglich. In den Techno-Clubs der Stadt wurde Tag und Nacht durchgetanzt, die Loveparade stand für eine grenzenlose Feierkultur. Doch tief in Holger drin, sah es anders aus, erzählt er. “Ich habe unheimlich gelitten, sowohl durch meine eigene Perspektivlosigkeit, als auch unter einer gefühlten Ohnmacht dem Zustand der Welt gegenüber.” 

Zu der Zeit kam er mit systemkritischen Bewegungen in Kontakt und fragte sich: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Wo ist mein Platz? Und wie sieht wirkliches Glück aus? Diese Fragen nagten immer stärker an ihm, selbst als er mit Freunden in den Skiurlaub fuhr. “Wir hatten wunderbaren Schnee, guten Wein und leckeres Essen, alles perfekt. Aber in meinem Inneren war alles grau.” Da tauchte in ihm der Gedanke auf, ich glaube, ich muss meditieren, sonst werde ich noch verrrückt. 

Wie Meditation sein Leben veränderte

Gesagt, getan: Holger kaufte sich ein Flugticket nach Thailand und nahm an einem 26-tägigen Meditationskurs teil. Wenn schon meditieren, dann richtig. “Ich kam da heraus und mein Leben war wieder farbig”, erinnert er sich zurück. Doch seine Suche war damit noch lange nicht beendet. 

Holger reiste um die Welt. Er half dabei, ein Meditationszentrum in der Nähe von Barcelona aufzubauen, überquerte per Segelboot den Atlantik und lebte in einer buddhistischen Gemeinschaft in Venezuela. Seine Meditationspraxis war ein ständiger Begleiter. “Selbst wenn ich auf Partys war, ging ich in einen Nebenraum und meditierte zwei Stunden lang”, erzählt er. Mit der Zeit kam der Wunsch auf, sich einen Lehrer zu suchen und tiefer ins Meditieren einzusteigen. Just in diesem Moment - er verbrachte gerade einige Zeit in einem Retreatzentrum in Wales - schenkte ihm ein alter Freund ein Flugticket nach Indien. Damit bekam seine Reise eine neue Richtung.

Eine schicksalshafte Begegnung

2006 landete Holger in Indien und pilgerte nach Bodhgaya. Er fragte, ob ihm jemand einen guten Lehrer empfehlen könne. Jemand nannte Mingyur Rinpoche, der - wie der Zufall es wollte - gerade in der Nähe weilte. Holger nutzte die Gelegenheit und bat um ein Gespräch. 

So kam es, dass er vor Mingyur Rinpoche saß - eine Begegnung, die sein Leben verändern sollte. Er bekam Meditationsanweisungen vom Meister; das Gespräch ließ Holger nicht mehr los. Drei Tage später bat er Rinpoche darum, weiter von ihm lernen zu dürfen. Damit hatte er seinen Lehrer gefunden. 

Der Weg zum buddhistischen Mönch

In den folgenden Jahren vertiefte Holger seine buddhistische Praxis unter Anleitung von Mingyur Rinpoche. Er nahm einen tibetisch-buddhistischen Namen an, den er bis heute neben seinem Geburtsnamen trägt: HolgerYeshe. 

2010 empfahl ihm sein Lehrer, Übersetzer zu werden und lud ihn ein, am Osel Ling-Kloster in Kathmandu Tibetisch zu studieren. HolgerYeshe war der einzige Student, der keine Mönchsrobe trug und so traf er eine Entscheidung: “Ich habe eine Liste mit den Vor- und Nachteilen des Mönchslebens gemacht. Die Liste der Vorteile war doppelt so lang”, erzählt er lachend. HolgerYeshe legte das Mönchsgelübde ab. 

Was seine Eltern zu seiner Entscheidung sagten? Sie haben ihn in allem unterstützt, was er tat, auch wenn sich ihr Sohn für einen unkonventionellen Lebensweg entschied. Als Mönch zu leben, bedeutete für ihn: keine Krankenversicherung, keine Rentenbeiträge, keine Absicherung. “Mir war schon Jahre vorher klar gewesen, dass ich meine Entscheidungen nicht von der Angst abhängig machen möchte, was in 50 Jahren sein könnte”, sagt HolgerYeshe und betont zugleich, “Diese Einstellung hatte natürlich auch mit jugendlichem Leichtsinn zu tun und ist sicher nicht empfehlenswert.”

Joy of Living - säkulare Meditation

In der Zwischenzeit wuchs die Tergar Meditationsgemeinschaft. Mingyur Rinpoche begeisterte Menschen rund um den Globus fürs Meditieren. Mit dem Joy of Living-Programm machte er die Essenz buddhistischer Meditation für ein säkulares Publikum zugänglich und fand eine Sprache, die alle verstehen. HolgerYeshe empfand das als Wendepunkt: “Erst dadurch habe ich mich wohlgefühlt, anderen Menschen vom Meditieren zu erzählen.”

2016 empfahl ihm Mingyur Rinpochesein Studium in Asien zu beenden, nach Europa zu gehen und dort Joy of Living zu unterrichten. “Ich habe mich erst einmal gewehrt und gemeint, ich hätte noch so viel zu lernen”, erinnert sich HolgerYeshe. Rinpoche erwiderte: Du wirst auf eine andere Art und Weise lernen. Jahre später sieht HolgerYeshe, wie Recht sein Lehrer mit diesen Worten hatte: “Wenn ich übersetze oder selbst unterrichte und über die Dinge spreche, werden mir die Dinge selbst klarer. Dieses Verbalisieren vertieft mein eigenes Verständnis enorm. Und wenn es anderen auch etwas nützt, umso besser.” 

Als buddhistischer Mönch in Europa

Nach zehn Jahren in Indien und Nepal, wo er ein Mönch unter vielen gewesen war, ging es für den Franken also zurück nach Europa. Hier fiel er mit seiner Robe sofort auf. Und das Leben in Europa brachte weitere Herausforderungen mit sich: “Es gibt im Westen nur wenige Orte, an denen Mönche oder Nonnen leben können, erst recht keinen in Mingyur Rinpoches Tradition. Generell gibt es wenig Unterstützung. Die meisten versuchen, sich finanziell irgendwie durchzuschlagen.” 

Für HolgerYeshe fand sich eine Lösung: 2016 wurde in Nürnberg die Tergar Meditationsgemeinschaft e.V. gegründet - ein gemeinnütziger Verein, der die Lehren von Mingyur Rinpoche im deutschsprachigen Raum zugänglich macht. HolgerYeshe gehörte zu den Gründungsmitgliedern. Er reist im Auftrag von Tergar durch Europa, gibt unzählige Joy of Living-Seminare und betreut Praxisgruppen vor Ort. Im Gegenzug hat sich der Verein bereit erklärt, ihn anzustellen. Dadurch genießt er ein Mindestmaß an sozialer Absicherung.

Meditieren und aktiv Pause machen

Inzwischen blickt Tergar e.V. auf 10 Jahre Vereinsarbeit zurück und HolgerYeshe ist dankbar dafür, daran mitwirken zu dürfen. Er möchte Menschen etwas an die Hand geben, das ihnen dabei hilft, besser mit den Herausforderungen des Lebens klarzukommen.

So wie er in jungen Jahren unter Perspektivlosigkeit gelitten hat, fühlen sich dieser Tage viele Menschen ohnmächtig. Auf dem Smartphone sehen sie Kriegsbilder; wenn sie vor die Tür gehen, spüren sie das Extremwetter, und quer durch alle Altersklassen fühlen sich Menschen einsam. Was kann Meditation dem entgegensetzen?

“Je mehr man konsumiert, desto ohnmächtiger fühlt man sich irgendwann, weil es ja nur passives Konsumieren ist. Meditation ist da fast wie ein aktives Pause machen. Ich setze  mich mit meiner konkreten Realität auseinander. Das hat ein Element der Wirksamkeit.” 

Künftig ohne Robe unterwegs

2026 hat sich HolgerYeshe dafür entschieden, seine Robe abzulegen und nicht mehr als Mönch zu leben - eine sehr persönliche Entscheidung, die über Jahre in ihm reifte, wie er sagt. Mit der Zeit habe er sich zwar daran gewöhnt, unterwegs permanent Blicke auf sich zu ziehen, aber angenehm war das nicht. 

“Durch die Art und Weise, wie ich mich in der Welt gezeigt habe, wurde ich zu einer Art Leuchtreklame”, erklärt HolgerYeshe. “Ich bin ja trotzdem ein Mensch wie jeder andere auch. Nur jetzt bin ich halt ein Mensch, der durch die Straßen läuft und keiner schert sich drum.” HolgerYeshe lebt weiterhin ohne festen Wohnsitz und betont, dass sich durch seine Entscheidung, die Mönchsrobe abzulegen, nichts an seinem Engagement für Tergar ändert.

TRADITION UND WISSENSCHAFT

HolgerYeshe und die Wissenschaft

Den Austausch mit Wissenschaftlern, der bei Tergar groß geschrieben wird, empfindet HolgerYeshe als sehr bereichernd. Er war drei Jahre lang als kontemplativer Experte im Planungskomitee des “European Summer Research Institute” - einer Konferenz für junge Wissenschaftler unter der Schirmherrschaft der Mind & Life Europe-Organisation - und betont: ”Wissenschaftliches Wissen ist unheimlich hilfreich, wenn wir über Interdependenz oder die Mehrteiligkeit der Dinge sprechen.”

Die buddhistische Philosophie geht davon aus, dass alle Dinge aus mehreren Teilen zusammengesetzt sind. Nichts existiert aus sich selbst heraus und alles im Universum wirkt sich wechselseitig aufeinander aus - eine Annahme, die die Quantenphysik auf subatomarer Ebene bestätigt. 

Auch in der Herangehensweise von Wissenschaftlern und Meditierenden sieht HolgerYeshe Parallen. Bei der Kontemplation geht es darum, Fragen zu stellen und den eigenen Erfahrungen auf den Grund zu gehen. Wissenschaftler arbeiten ebenfalls mit Hypothesen; sie überprüfen ihre Annahmen immer wieder aufs Neue. “Wenn man das als gemeinsame Basis nimmt, ist der Diskurs mit Wissenschaftlern unheimlich fruchtbar”, so HolgerYeshe.